Zu groß, um biologisch zu sein

Vom Rückgrat zum Engpass

Über Jahre hinweg war Bio-Kaffee auf Gruppenzertifizierungssysteme angewiesen, die die Teilnahme von Kleinproduzent*innen in größerem Maßstab überhaupt erst möglich machten. Genossenschaften zertifizierten Hunderte von Produzent*innen unter einem gemeinsamen internen Kontrollsystem und machten Komplexität so handhabbar.

  • Die Kosten wurden auf viele Hersteller aufgeteilt.
  • Die Einhaltung der Vorschriften wurde gemeinsam geregelt.
  • Selbst sehr kleine landwirtschaftliche Betriebe könnten Zugang zu Exportmärkten erhalten.

Dieses System, das auf effiziente Skalierung ausgelegt war, bildete in vielen Regionen das Fundament der Bio-Kaffeeversorgung.


Eine neue Definition von „klein“

Mit der nun vollständig durchgesetzten EU-Öko-Verordnung wird dieses Fundament neu definiert. Die entscheidende Veränderung ist eine strikte Größenobergrenze.

Betriebe oberhalb von rund 4 bis 5 Hektar

  • Kann nicht in der Gruppenzertifizierung verbleiben.
  • Muss einzeln bestätigt werden.
  • Die gesamten Zertifizierungskosten müssen übernommen werden.

Dadurch entsteht eine harte Trennlinie. Eine Produzent*in mit vier Hektar bleibt im System. Eine Produzentin mit fünf Hektar kann ausgeschlossen werden. Was in Europa wie eine technische Anpassung wirkt, wird am Ursprung zu einem strukturellen Bruch im Marktzugang.


Aproeco: Stabilität innerhalb enger Grenzen

Bei Aproeco in Moyobamba funktioniert das System bislang weiter. Die meisten Produzent*innen liegen weiterhin innerhalb der neuen Größenobergrenzen, sodass die Gruppenzertifizierung bestehen bleiben und der Bio-Status erneuert werden kann: Die internen Kontrollsysteme bleiben intakt, und die Exportbeziehungen laufen ohne Unterbrechung weiter.

Gleichzeitig wird eine neue Dynamik sichtbar. Sehr klein zu bleiben wird nun faktisch belohnt, was in der Praxis bereits moderates Wachstum entmutigt und die kleinsten Bio-Kaffeeproduzent*innen auf ihrer aktuellen Größenordnung festhält. Stabilität ist vorhanden, aber nur innerhalb eines engen Rahmens, der kaum Raum für Entwicklung lässt.


CEPRO Yanesha: der Schwellen-Effekt

Bei CEPRO Yanesha in Villa Rica schneidet die Verordnung direkt durch die Struktur der Organisation. Mehrere Produzent*innen liegen genau an der neuen Schwelle. Einige haben bereits den Zugang zur Gruppenzertifizierung verloren. Andere sind zur Einzelzertifizierung gezwungen. Die Kosten pro Finca steigen deutlich.

Die Finca der Familie Marin hat die Einzelzertifizierung bereits abgeschlossen. Sie zeigt, dass Konformität weiterhin möglich ist, allerdings auf einem Kostenniveau, das die ökonomischen Grundlagen grundlegend verändert. Für andere bleibt der Übergang ungewiss, mit dem realen Risiko, den Marktzugang ganz zu verlieren.


SCPNCK: wenn Zertifizierung nicht stattfinden kann

Im Osten des Kongo wird die Situation nicht durch Betriebsgröße oder Veränderungen im europäischen Recht bestimmt, sondern durch Konflikt. Unsere Partner*innen bei SCPNCK leben seit Jahrzehnten unter den Bedingungen des Krieges und seit dem vergangenen Jahr unter der Besatzung durch M23. Zertifizierungsstellen können die Region nicht betreten. Inspektionen können nicht stattfinden. Ohne Inspektion keine Zertifizierung. Der Bio-Status ist ausgelaufen.

Partner*innen in Konfliktregionen werden damit erneut am stärksten von einem Regulierungssystem getroffen, das global gleiche Voraussetzungen stillschweigend voraussetzt, ohne die Realität vor Ort mitzudenken.


Ein restriktiverer Markt

Über diese unterschiedlichen Kontexte hinweg zeigt sich ein klares Muster. Die neue Verordnung verändert den Zugang zum Bio-Markt grundlegend.

  • Die Zertifizierungskosten steigen.
  • Der Zugang wird selektiver.
  • Das Risiko verlagert sich von kollektiven Systemen auf einzelne Produzent*innen.

Am stärksten betroffen sind nicht große Betriebe, sondern Produzent*innen in Übergangssituationen. Menschen, die über Jahre hinweg behutsam gewachsen sind, die an den Rändern der neuen Größenschwellen wirtschaften oder unter instabilen Bedingungen arbeiten. Die Verordnung filtert damit nicht in erster Linie nach landwirtschaftlicher Praxis, sondern nach struktureller Passfähigkeit. Bio-Zertifizierung wird nicht mehr nur darüber definiert, wie Kaffee produziert wird, sondern auch darüber, ob Produzent*innen innerhalb eines engeren und rigideren Systems verbleiben.

Als Unternehmen müssen wir uns erneut in einer sich verändernden regulatorischen Landschaft bewegen, die Produzent*innen benachteiligt, während wir zugleich die Interessen von Produzent*innen und Röstereien ausbalancieren. Wir sind dankbar und stolz, mit Partner*innen zusammenzuarbeiten, die unser Netzwerk weiterhin mit biozertifiziertem Kaffee versorgen.

Gleichzeitig sehen wir den Verlust zertifizierter Lieferant*innen mit Sorge, weil dieser Systemwechsel genau jene strukturell benachteiligt, die das getan haben, was Entwicklungspolitik über lange Zeit eingefordert hat: zu wachsen.


Lukas Harbig Portrait
Lukas Harbig

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