Liberica Kaffee neu definiert: Neues Potenzial für Züchtung und Artenschutz

Kaffee am Scheideweg

Lange Zeit im Schatten von Arabica und Canephora stehend, galt Liberica in der Kaffeewelt oft nur als Kuriosität. Doch neue Forschungsergebnisse, veröffentlicht in Nature Plants, bringen eine überraschende wissenschaftliche Wahrheit ans Licht: Liberica ist nicht nur EINE Kaffeespezies, sondern drei: Coffea liberica, C. dewevrei (Excelsa) und C. klainei. Diese Entdeckung schreibt nicht nur den Stammbaum des Kaffees neu, sondern eröffnet auch bislang ungenutztes Potenzial für Anbau, Züchtung und Konsum – von einzigartigen Aromen bis hin zu neuen Chancen für Kultivierung und Artenschutz.
Von einer Spezies zu drei
Über Jahrzehnte wurde darüber gestritten, was Liberica eigentlich ist. War Excelsa nur eine Varietät oder eine eigenständige Spezies? Und was ist mit C. klainei, einem fast vergessenen Namen in der Taxonomie? Mithilfe modernster Genomsequenzierung sowie morphologischer und geographischer Daten konnte die Forschung diese Fragen nun beantworten:
Coffea liberica – der klassische „Liberica“, ursprünglich aus Westafrika (Sierra Leone, Liberia, Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria), später nach Südostasien eingeführt und heute vor allem dort angebaut.
Coffea dewevrei (Excelsa) – beheimatet in Zentralafrika (Kamerun, Demokratische Republik Kongo, Zentralafrikanische Republik, Südsudan, Uganda), inzwischen zunehmend als Nutzpflanze in Afrika und Asien kultiviert, geschätzt für hohe Erträge und Klimaresistenz.
Coffea klainei – eine wenig bekannte Art aus West-Zentralafrika (Kamerun, Gabun, Republik Kongo, Cabinda/Angola), lange übersehen, nun aber als eigenständige Art wieder anerkannt.
Diese Neuklassifizierung erhöht die Zahl der bekannten Kaffeearten auf 133 (Davis et al., 2025). Vor allem aber schafft sie wissenschaftlich klare Grenzen – ein entscheidender Fortschritt für Züchtungsprogramme und Artenschutz.

Was unterscheidet sie?
Die Studie zeigt: Alle drei Arten sind genetisch eindeutig voneinander abgrenzbar, gestützt auf die Analyse von mehr als 350 Kern-Genen und tausenden genetischen Markern. Auch in ihren Merkmalen unterscheiden sie sich:
Excelsa (C. dewevrei) bringt mehr Blüten und Früchte pro Zweig hervor, hat kleinere Samen sowie dünneres Fruchtfleisch und Pergament – was zu höheren Erträgen und leichterer Verarbeitung führt (Davis et al., 2025).
Liberica (C. liberica) bildet größere Samen und dickeres Fruchtfleisch, was seinen markanten Geschmack prägt, die Aufbereitung aber arbeitsintensiver macht.
Klainei (C. klainei ) ähnelt Liberica, unterscheidet sich jedoch in Blütenständen (Infloreszenzen) und Fruchtform.
Die drei Arten sind allopatrisch – das heißt, sie kommen in voneinander getrennten, nicht überlappenden Regionen vor. Liberica wächst in Oberwestafrika, Klainei weiter südlich in West-Zentralafrika, und Excelsa dagegen erstreckt sich über Zentralafrika. Auch in der Höhenlage unterscheiden sie sich: Liberica und Klainei gedeihen vor allem im Tiefland, während Excelsa in mittleren Höhenlagen vorkommt.
Klimaanpassung: Lektionen für die Zukunft
Von größter Bedeutung sind ihre klimatischen Anpassungen:
C. liberica gedeiht in heißen, feuchten Tieflandregionen mit ausgeprägter Regen- und Trockenzeit.
C. dewevrei ist noch dürreresistenter und kommt auch mit geringeren und unregelmäßigeren Niederschlägen zurecht – teils sogar in Savannenlandschaften.
Beide Arten tolerieren höhere Durchschnittstemperaturen als Arabica und Canephora (Davis et al., 2025) und gelten damit als Alternativen für Anbaugebiete, die für die etablierten Arten zu heiß werden.
Diese Anpassungsfähigkeit ist bereits Realität: In Uganda ersetzt Dewevrei (Excelsa) zunehmend Canephora in Regionen, wo steigende Temperaturen und geringere Niederschläge den traditionellen Anbau unmöglich machen (Davis et al., 2023).
Neuigkeiten für Produzierende
Für Kaffeefarmer*innen haben die Unterschiede unmittelbare Folgen:
Ertrag und Profitabilität: Dewevrei liefert durch dünneres Pergament und kleinere Samen eine bessere Ausbeute von Frucht zu Rohbohne – ein Vorteil für die Wirtschaftlichkeit.
Verarbeitung: Die Samengröße von Dewevrei passt besser zu Verarbeitungsanlagen, die für Arabica und Canephora gebaut sind.
Marktchancen: Liberica und Dewevrei besitzen eigenständige Geschmacksprofile. Liberica ist oft kräftig und fruchtig, Dewevrei eher komplex und säurebetont. Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten in Nischen- und Spezialitätenmärkten (Davis et al., 2022).
Die klare Unterscheidung der Arten ermöglicht es Produzent*innen und Händler*innen nun, gezielter zu entscheiden, was angebaut, wo kultiviert und wie vermarktet werden soll.

Dringlichkeit im Artenschutz
Die neue Einordnung hat jedoch auch ernüchternde Konsequenzen. Betrachtet man die Verbreitung unter den neuen Artgrenzen, schrumpft das Areal von C. liberica um fast 95 %. Viele historische Bestände sind durch Abholzung bereits verschwunden. Heute liegt das Vorkommen bei nur noch rund 52 km² – womit eine Neubewertung von „nicht gefährdet“ auf „gefährdet“ auf der Roten Liste wahrscheinlich ist (Davis et al., 2025).
Auch C. klainei ist stark bedroht, mit einem Vorkommen von lediglich 76 km². C. dewevrei ist weiter verbreitet, doch auch hier gefährdet Waldverlust die Bestände (Chadburn & Davis, 2017).
Für die Kaffeeindustrie geht es damit um weit mehr als Biodiversität: Das Verschwinden dieser Wildbestände bedeutet auch den Verlust genetischer Ressourcen, die für die Zukunft der weltweiten Kaffeeproduktion entscheidend sein könnten.
Züchtungspotenzial: Neue Möglichkeiten entdecken
Die enge Verwandtschaft zwischen Liberica und Dewevrei eröffnet die Möglichkeit interspezifischer Hybriden. Erste Berichte deuten darauf hin, dass Liberica × Dewevrei -Hybriden eine außergewöhnliche Wuchskraft und hohe Erträge zeigen könnten, auch wenn die molekulare Bestätigung noch aussteht (Viruel et al., 2020). Solche Hybriden könnten die Trockenheitstoleranz von Dewevrei mit den größeren Samen und dem einzigartigen Geschmacksprofil von Liberica vereinen – und damit eine neue Kaffeekategorie schaffen, die bestens für künftige Bedingungen geeignet ist.
Die Einbindung von Liberica und Dewevrei in umfassendere Züchtungs- und Anbaustrategien erweitert nicht nur die bislang enge genetische Basis des Kulturkaffees, sondern eröffnet auch neue Wege zu Resilienz und Innovation. Für eine Branche, die zunehmend mit klimatischen Unsicherheiten konfrontiert ist, stellt dies eine seltene Chance dar, die Kulturpflanze zu stärken und zugleich neue Geschmackserlebnisse für Konsument:innen zu erschließen.
Anpassung durch Produzierende
Über Hybridisierung hinaus beginnen einige Produzent:innen bereits mit eigenen Versuchen: Dabei werden Liberica oder Dewevrei als Unterlage genutzt und C. canephora aufgepfropft. Diese Methode verbindet die Trockenheits- und Schädlingsresistenz des Wurzelsystems mit den hohen Erträgen von Canephora und zeigt, wie diese bisher wenig genutzten Arten schon heute praktische Vorteile liefern können.
Bis heute werden Liberica, Dewevrei und sogar Klainei häufig nebeneinander angebaut und gemeinsam geerntet. Durch Hybridisierung und überlappende Merkmale lassen sie sich nur schwer, teilweise gar nicht, voneinander unterscheiden. Daher besteht ein Großteil der Kaffeemengen eher aus Mischungen als aus reinen Vertretern einzelner Spezies. Die Anerkennung von drei eigenständigen Spezies ist somit zwar ein bedeutender wissenschaftlicher Durchbruch, jedoch es wird Zeit brauchen, bis Produzent:innen klar getrennte Liberica-, Excelsa- oder sogar Klainei-Kaffees auf den Markt bringen könnten.
Branchenrelevanz und Marktausblick
Obwohl C. liberica und C. dewevrei derzeit nur rund 0,01 % der weltweiten Kaffeeexporte ausmachen (Davis et al., 2025), gewinnen sie in Anbauländern wie auch auf Konsumentenmärkten zunehmend an Bedeutung. In Malaysia, den Philippinen, Indonesien, Vietnam und Teilen Afrikas wird der Anbau bereits ausgeweitet. Im Spezialitätenmarkt beginnen Liberica und Dewevrei, sich als eigenständige Qualitätskategorien zu etablieren. Ihre besonderen Geschmacksprofile schaffen neue Marktnischen, und ihre wachsende Präsenz auf der internationalen Bühne, etwa bei Wettbewerben, sorgt für steigendes Interesse in der Branche.
Für Produzent*innen lautet die Botschaft klar: Diese Arten werden Arabica oder Canephora in puncto Volumen vermutlich nie überholen, doch ihr strategischer Wert liegt in Resilienz, Vielfalt und Differenzierung. Für Röster*innen und Konsument*innen wiederum bieten sie geschmackliche Neuheiten und eine Geschichte von Nachhaltigkeit.
Fazit: Vielfalt als Sicherheit
Die Neubewertung des Liberica-Kaffees ist weit mehr als eine taxonomische Randnotiz – sie ist ein Weckruf für den Kaffeesektor. Mit der Anerkennung von drei eigenständigen Arten – C. liberica, C. dewevrei und C. klainei – hat die Wissenschaft Werkzeuge bereitgestellt, die es ermöglichen, Erhaltung, Anbau und Innovation gezielter voranzutreiben.
Für Landwirt*innen bedeutet dies neue Optionen für widerstandsfähigen Anbau. Für Züchter*innen eröffnen sich neue Wege, klimaresiliente Hybride zu entwickeln. Für den Naturschutz ist es eine eindringliche Erinnerung an die Dringlichkeit, gefährdete Arten zu bewahren. Und für Konsument*innen verspricht es eine größere Vielfalt in der Tasse.
In einer Zeit, in der der Kaffee existenziellen Bedrohungen durch den Klimawandel ausgesetzt ist, ist Vielfalt kein Luxus – sie ist Sicherheit. Diese Studie zeigt, dass die Erschließung des Potenzials von Liberica, Dewevrei und Klainei ein entscheidender Schritt zur Sicherung der Zukunft des Kaffees sein könnte.

Quellen
- Davis, A. P., Shepherd-Clowes, A., Cheek, M., Moat, J., Wei Luo, D., Kiwuka, C., Kalema, J., Tchiengué, B., & Viruel, J. (2025). Genomic data define species delimitation in Liberica coffee with implications for crop development and conservation. Nature Plants. https://doi.org/10.1038/s41477-025-02073-y
- Davis, A. P., Kiwuka, C., Faruk, A., Mulumba, J., & Kalema, J. (2023). A review of the indigenous coffee resources of Uganda and their potential for coffee sector sustainability and development. Front. Plant Sci. 13, 1057317.
- Davis, A. P., Kiwuka, C., Faruk, A., Walubiri, M. J., & Kalema, J. (2022). The re-emergence of Liberica coffee as a major crop plant. Nature Plants, 8, 1322–1328.
- Chadburn, H. & Davis, A. P. (2017). Coffea liberica. The IUCN Red List of Threatened Species 2017: e.T18537594A18539526.
- Viruel, J. et al. (2020). Crop wild phylorelatives (CWPs): phylogenetic distance, cytogenetic compatibility and breeding system data enable estimation of crop wild relative gene pool classification. Botanical Journal of the Linnean Society, 195, 1–33.













