D. R. Kongo – Ist Kaffee politisch genug?

Wenige Branchen sind so emotional und politisch aufgeladen wie die Kaffeebranche. Kaffee war Vorreiter bei Fair Trade, Bio-Zertifizierungen, Rainforest Alliance, Transparenz und Direct Trade. Getrieben von Konsumentinnen und Konsumenten, die Teil einer besseren Welt sein möchten, hat sich die Branche aktiv mit Teilen ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandergesetzt.

Auch in den 2020er-Jahren ruht die Branche nicht. Sie hinterfragt die Grenzen früherer Nachhaltigkeitserfolge und macht auf Ungerechtigkeiten sowie Verbrechen aufmerksam, die in aktuellen gewaltsamen Konflikten begangen werden, etwa in Palästina oder der Ukraine. Kaffee ist politisch und sollte es auch sein.

Doch trotz ihres Anspruchs auf Ethik, Transparenz und Gerechtigkeit hat die Kaffeebranche blinde Flecken. Die Demokratische Republik Kongo ist einer der schmerzhaftesten davon.

Ruhm für Ruanda, Leid für Kongo

Die Menschen rund um den Kivusee leiden seit drei Jahrzehnten unter Krieg, Vertreibung, Hunger, sexueller Gewalt und Mord. Millionen Menschen sind betroffen. UN-Organisationen und humanitäre Hilfswerke berichten von extremer und weit verbreiteter sexueller Gewalt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Einige Berichte beschreiben das Ausmaß mit drastischen Worten: „Alle 30 Minuten wird im Osten der Demokratischen Republik Kongo ein Kind vergewaltigt.“ Lassen Sie diese Zahl auf sich wirken. Oder besser: Tun Sie es nicht.

Warum wird darüber in westlichen Medien so wenig berichtet? Die sogenannten „entwickelten“ Länder sind eng mit der Region verbunden. Die digitale Transformation basiert auf Rohstoffen, die dort vorkommen, insbesondere Coltan.

Die Verbindung dieser Rohstoffe zur Kaffeebranche ist begrenzt. Doch dieselbe Region im Osten der Demokratischen Republik Kongo produziert auch Kaffee. Und dieser Kaffee findet seinen Weg in westliche Tassen, teilweise über informelle Handelswege durch Nachbarländer wie Uganda, Burundi oder Ruanda.

Damit kommen wir zu einem zentralen Problem. Ruanda gilt im kongolesischen Konflikt nicht als neutraler Akteur. UN-Expertengruppen und verschiedene Menschenrechtsorganisationen haben Vorwürfe dokumentiert, wonach Ruanda die M23-Miliz mit Waffen und Truppen unterstützt haben soll. Seit 2025 kontrolliert M23 große Teile des Territoriums und hat zu einer gewaltigen Welle von Gewalt und Vertreibung beigetragen.

Während all dies geschieht, spricht die Kaffeebranche kaum über das Leid der Menschen oder die Möglichkeit von Kaffeeschmuggel. Stattdessen feiert sie Kaffee vom ruandischen Ufer des Kivusees, organisiert Ursprungreisen mit lächelnden Gruppenfotos und veröffentlicht Impact-Berichte, die die inspirierende Entwicklung des ruandischen Kaffeesektors erzählen.

Dieser Text soll nicht zur Stigmatisierung ruandischen Kaffees beitragen. Doch wenn Kaffee politisch ist und wenn die Branche Transparenz ernst nimmt, dann muss auch die kongolesische Geschichte erzählt werden. Die Menschen im Kongo müssen gehört werden und sie müssen unterstützt werden. Kaffee vom Kivusee stolz zu vermarkten und gleichzeitig die Entwicklungen auf der kongolesischen Seite des Sees auszublenden, bewirkt das Gegenteil.

Und möglicherweise haben Sie bereits kongolesischen Kaffee geröstet, ohne es zu wissen. Während des jahrzehntelangen Konflikts rund um den Kivusee wird Kaffee täglich informell über Grenzen hinweg nach Uganda, Ruanda und darüber hinaus gehandelt.

Conilons Ruhm, Petit Kwilus Bedeutungslosigkeit

Wenige Geschichten verdeutlichen das selektive Gedächtnis der Kaffeebranche so stark wie Conilon. Heute feiert die Branche brasilianische Canephora-Innovationen, veröffentlicht Berichte über die Zukunft von Conilon und lobt Espírito Santo als eine der dynamischsten Kaffeeregionen der Welt. Die genetischen Wurzeln von Conilon liegen jedoch jenseits des Atlantiks in den Wäldern und Flusssystemen des atlantischen Mayombe-Regenwald, wo wilder Coffea canephora noch heute vorkommt. Der erstreckt sich zwar über mehrere Länder, aber in der heutigen Demokratischen Republik Kongo liegt mit der INERA Luki Forschungsstation ein Hotspot und historischer Ort in der Entwicklung von Conilon. Das wusstest du noch nicht? Ganz genau, so still ist die Kaffeeindustrie, wenn es um DR Kongo geht.

Die Ironie ist kaum zu übersehen. Die Kaffeewelt feiert stolz brasilianischen Arabica, eine Industrie, die historisch von der Arbeit Millionen versklavter Afrikaner profitierte. Heute feiert sie Conilon, einen Kaffee, der auf kongolesischem Genmaterial basiert. Doch wie viele Kaffeeprofis haben jemals die Demokratische Republik Kongo besucht? Wie viele Ursprungreisen führen in die atlantischen Wälder Zentralafrikas, aus denen einige der wichtigsten Canephora-Genetiken der Welt hervorgegangen sind?

Die Demokratische Republik Kongo sollte nicht nur dann in Kaffeedebatten auftauchen, wenn genetische Vielfalt romantisiert wird, oder wenn Gewalt ausbricht. DRCs Wälter haben genetische Ressourcen hervorgebracht, die den modernen Canephora-Anbau bis heute prägen. Ihre Bevölkerung war Teil jener Systeme, auf denen die globale Kaffeewirtschaft aufgebaut wurde. Und ihre Produzentinnen und Produzenten bauen bis heute Kaffee unter einigen der schwierigsten Bedingungen der Welt an. Wenn die Kaffeebranche Herkunft, Transparenz und Gerechtigkeit ernst nimmt, darf der Kongo kein Randthema bleiben.

Wenn Kaffee politisch ist, dann muss er es auch an den Ufern des Kivusees sein. Die Branche muss die kongolesischen Beiträge sowohl zum brasilianischen Arabica als auch zum brasilianischen Canephora anerkennen.

Unsere Industrie kann nur dann einen angemessenen Ausgleich für den Beitrag des Kongo zum weltweiten Kaffee schaffen, wenn sie zunächst das Ausmaß dieses Beitrags und die historischen Umstände anerkennt, unter denen er geleistet wurde.

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Lukas Harbig

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