99 Jahre – 1 Tasse: Liberica-Kaffee

Vietnam ist der zweitgrößte Kaffeeproduzent der Welt. Während diese Position durch die rasante industrielle Ausweitung von Robusta in den 1980er- und 1990er-Jahren gefestigt wurde, wurden die biologischen Grundlagen von Vietnams Kaffeelandschaft schon viel früher gelegt – in einer Zeit, in der Pflanzen, Menschen und Wissen unter europäischer Kolonialherrschaft gewaltsam über Kontinente hinweg verschoben wurden.

Lange bevor Robusta zur industriellen Ware wurde, kam Kaffee als botanisches Experiment nach Vietnam.

Eugène Poilane

Das ist die Geschichte von Eugène Poilane – und von einem Moment in Paris im Jahr 2025, fast genau ein Jahrhundert später, als sich Geschichte im stillen, intimen Rahmen eines Cuppings plötzlich wieder berührte.

Vom Militärdienst zur botanischen Leidenschaft

Eugène Poilane kam 1909 zum ersten Mal nach Vietnam, als er beim französischen Militär in Saigon eingesetzt war, und blieb auch während des Ersten Weltkriegs im Land. Doch sein Interesse galt weniger Waffen und Krieg, sondern Pflanzen und Bienen.

Sein Talent blieb nicht unbemerkt. Auguste Chevalier, einer der einflussreichsten französischen Botaniker seiner Zeit – und der Wissenschaftler, der nachwies, dass Robusta zur Art Coffea canephora gehört – erkannte Poilanes Blick, Disziplin und Neugier. Unter Chevaliers Anleitung wurde Poilane botanischer Sammler für das Französische Nationalmuseum für Naturgeschichte.

Indochina, 1922 – eine Reise ohne Rückkehr

1923 verließ Poilane das Militär, um sich ganz den Pflanzen zu widmen.

Er beschrieb unzählige Pflanzenarten und baute in Khe Sanh, im heutigen Bezirk Quảng Trị, seine eigene Plantage auf. Kaffee wurde zu einem zentralen Teil seiner Arbeit – nicht als Industrieprodukt, sondern als botanisches und landwirtschaftliches Experiment, geprägt vom Ort.

Mit Unterstützung von Auguste Chevalier brachte Poilane Coffea liberica und Coffea excelsa (heute als Coffea dewevrei klassifiziert) nach Khe Sanh. Diese Arten blieben über Jahrzehnte kaum beachtet.

Poilane lebte bis 1964 in Khe Sanh, bis er bei einem Angriff auf sein Fahrzeug getötet wurde. Sein Tod markierte das Ende eines persönlichen Kapitels – aber nicht das Ende der Pflanzen, die er mitgebracht hatte.

Vergessene Pflanzen, lebendige Wurzeln

Über Jahrzehnte existierten Poilanes Kaffeepflanzen am Rand der vietnamesischen Kaffeegeschichte. Industrieller Canephora rückte ins Zentrum, während Liberica und verwandte Arten still weiterlebten – oft ohne Anerkennung oder Wert.

Heute beginnt sich das zu verändern.

Die vietnamesische Liberica-Renaissance, sichtbar in außergewöhnlichen Lots von Produzent*innen wie unseren Partnern 96B und Lộc Rừng, basiert auf genetischem Material, welches direkt auf jene frühen Einführungen in Khe Sanh zurückgeht. Was einst übersehen wurde, wird heute mit Neugier, Respekt und Ambition neu betrachtet.

Paris, 2025 – Geschichte schmeckt zurück

Als wir Thai von 96B im vergangenen November einluden, mit uns durch Europa zu reisen, war Paris eine der Stationen dieser Reise. Unter vielen Begegnungen und Ereignissen ragte ein Moment besonders hervor.

Thai, die mit großer Leidenschaft und Professionalität im vietnamesischen Kaffee arbeitet, kannte Eugène Poilane und die Geschichte der Pflanzen, die sie in Quảng Trị kultiviert. Aus Neugier und Respekt machte sie sich auf die Suche nach Poilanes Nachkommen – und fand schließlich Jean-Marie. Nach einem Videotelefonat lud sie ihn zu einem Cupping ein.

Im Pariser Coffee Shop The Beans on Fire wurde das Unwahrscheinliche real. Thai begegnete dem Enkel von Eugène Poilane. Gemeinsam verkosteten sie vietnamesischen Liberica – zum ersten Mal in Jean-Maries Leben. In dieser Tasse lagen die Früchte der Arbeit seines Großvaters: ein Jahrhundert aus Hingabe, Schmerz und Hoffnung, verdichtet zu etwas zutiefst Schönem.

Am Tisch saßen sie sich jetzt gegenüber: der Nachfahre des Botanikers, der diese Pflanzen nach Vietnam brachte, und eine Produzentin, die an ihre Zukunft glaubt.

Thai met the grandson of Eugène Poilane in Paris

Thai met the grandson of Eugène Poilane

Kaffee als historisches Artefakt

Solche Momente machen uns sprachlos.

Sie erinnern uns daran, wie nah die Vergangenheit eigentlich ist, besonders die Vergangenheit von Kolonialismus und agrarischem Austausch. Kaffee ist in diesem Kapitel der Geschichte ein Zeuge. Er trägt die Narben von gewaltsamer Bewegung, Dominanz und ausgelöschten Stimmen und zugleich die fragile Schönheit des Überlebens: Pflanzen, die sich angepasst haben, Wissen, das geblieben ist, und Menschen, die aus dem Aufgezwungenen etwas Eigenes gemacht haben.

In dieser Tasse, 99 Jahre später, wird Kaffee zu einem Artefakt der Geschichte und zu einem Werkzeug, um Zukunft neu zu denken.

Ein Kreis schließt sich.


Lukas Harbig Portrait
Lukas Harbig

Diesen Artikel teilen!

Die neusten Blogbeiträge