100 Jahre Kaffeeanbau in Lạc Dương, Vietnam

Was geschieht, wenn ein koloniales Exportgut zum Symbol für indigene Resilienz und ökologisches Wissen wird?
Lạc Dương, ein kleiner Bezirk im zentralen Hochland Vietnams, liefert ein aufschlussreiches Beispiel. Von der Einführung des Arabica-Kaffees durch französische Kolonisten, seiner stillen Übernahme durch die ethnische Minderheit der K’Ho, bis hin zu den Veränderungen unter dem Sozialismus und den marktwirtschaftlichen Reformen – der Kaffee erzählt hier eine lange, vielschichtige Geschichte.
Heute setzt sich dieses Erbe fort – durch unsere Partner*in Zanya und Lộc Rừng, deren Farmen in denselben Hochlandböden, K’Ho-Traditionen und ökologischen Wissenssystemen verwurzelt sind, die Arabicas erstes Jahrhundert in der Region geprägt haben. Sie konzentrieren sich nicht nur auf die Herstellung von hochwertigem Kaffee; was sie tun, ist tief mit dem Land, der Identität ihrer Gemeinschaft und traditionellen Anbaumethoden verbunden, die über Generationen weitergegeben wurden.

Kolonialer Ursprung und Einführung des Arabica
Kaffee kam 1857 nach Vietnam, eingeführt durch französische Missionare. Während erste Anpflanzungen im Norden erfolgten, weitete sich die kommerzielle Produktion später auf das zentrale Hochland aus. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Regionen wie die Provinz Lâm Đồng wegen ihrer Höhenlage und fruchtbaren vulkanischen Böden priorisiert – ideale Bedingungen für den Arabica-Anbau (Le, 2020; Minh et al., 2017; Faye et al., 2022).
Koloniale Behörden richteten großflächige Plantagen ein. K’Ho-Gemeinschaften, die seit Generationen auf dem Lang-Biang-Plateau lebten, wurden im Straßenbau und auf Farmen eingesetzt. Durch diesen Kontakt begannen Arabica-Samen und Anbauwissen, unter den lokalen Haushalten zu zirkulieren (Schippers, 2015; Le, 2020).
Lokale Übernahme und traditionelle Agroforstwirtschaft
Bereits im frühen 20. Jahrhundert begannen K’Ho-Farmer*innen damit, Arabica in Hausgärten und Gemeinschaftsparzellen anzubauen. Eine aktuelle Fallstudie aus Lâm Đồng zeigt, dass diese Pflanzungen oft in traditionelle Agroforstsysteme integriert waren. Sie wurden ohne chemische Mittel, unter Schattenbäumen und in Mischkultur mit anderen Pflanzen angebaut (Kawasaki, 2022).
Im Gegensatz zu den Monokulturen der kolonialen Plantagen basierten diese Systeme auf lokalem ökologischem Wissen und wurden eigenständig bewirtschaftet. Der Kaffee wurde teilweise für den Eigenbedarf, zunehmend jedoch auch für den Handel angebaut – mit manuellen Anbau- und Verarbeitungsmethoden (Faye et al., 2022).

Kriege und sozialistische Umstrukturierung
Die Kriege und politischen Umbrüche Vietnams zwischen 1945 und den späten 1980er-Jahren hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die Landwirtschaft im ländlichen Raum. Nach 1975 wurde das Land in Lâm Đồng im Rahmen sozialistischer Politik in Staats- und Kollektivfarmen umgewandelt (Marsh, 2007). In abgelegenen Bezirken wie Lạc Dương bewirtschafteten jedoch viele K’Ho-Bauern weiterhin ihre traditionellen Parzellen, oft außerhalb der offiziellen Planungsstrukturen (Le & Pellissier, 2022).
Diese Phase schränkte privaten Handel und Investitionen stark ein. Gleichzeitig trug sie jedoch dazu bei, ältere Arabica-Varietäten und traditionelle Anbaumethoden zu bewahren, die in zentralen Programmen keine Rolle mehr spielten.
Marktreformen und der Robusta-Boom
Die wirtschaftlichen Reformen Vietnams ab 1986, bekannt als Đổi Mới, leiteten einen Wandel hin zur marktorientierten Landwirtschaft ein. Kaffee wurde zu einem zentralen Bestandteil der Exportstrategie des Landes (Nguyen et al., 2015). Robusta, bevorzugt wegen seines hohen Ertrags und seiner Widerstandsfähigkeit gegen Schädlinge, wurde im zentralen Hochland massiv gefördert, unterstützt durch Hilfe aus der DDR und später durch internationale Entwicklungsorganisationen (Faye et al., 2022; ICO, 2023).
Bereits in den 2000er-Jahren war Vietnam zum weltweit zweitgrößten Kaffeeexporteur aufgestiegen. Robusta machte über 90 Prozent der gesamten Produktion aus. Arabica, obwohl mengenmäßig marginal, blieb in Bezirken wie Lạc Dương verwurzelt, wo die Bedingungen für seinen Anbau günstig sind und sich eine lokale Kaffeekultur um ihn entwickelt hatte.
Arabicas Beständigkeit in einer sich wandelnden Landschaft
Trotz Robustas Dominanz wird Arabica in Lạc Dương weiterhin angebaut, insbesondere von Kleinfarmer*innen auf höher gelegenen Parzellen. Viele Farmer*innen pflegen dort noch heute Arabica-Sorten wie Typica und Bourbon, die teils auf koloniale Einführungen zurückgehen. Die roten Basaltböden und das kühlere Klima bieten Bedingungen für vielversprechende Tassenprofile (Minh et al., 2017; Pham et al., 2023).
Mit der Zeit wurde jedoch zunehmend die ertragreichere und widerstandsfähigere Sorte Catimor angebaut, um stabile Ernten trotz niedriger Preise und eines sich wandelnden Klimas zu sichern. (Catimor ist ein Hybrid aus Caturra und dem Timor-Hybrid – eine Kreuzung, die Arabica-Qualität mit Robusta-Resistenz verbindet.)
Diese Kontinuität findet jedoch in einem größeren Kontext strukturellen Drucks statt. Seit den 1990er-Jahren hat die großflächige Ausweitung von Robusta zu massiver Abholzung in der Region, erhöhtem Wasserverbrauch und zur Verdrängung traditioneller Landnutzung geführt (Le & Pellissier, 2022).

Engagement der Kleinfarmer*innen und Zukunftspotenzial
Trotz dieser Herausforderungen bauen viele Produzent*innen in Lạc Dương weiterhin Arabica an. Einige aus Leidenschaft für ihr Produkt und ihre kulturelle Identität, andere aufgrund neuer wirtschaftlicher Anreize. Hohe Kaffeepreise in den letzten Jahren haben zu einer stärkeren Fokussierung auf das Farmmanagement geführt. Auch das Interesse an der einzigartigen Arabica-Qualität der Region wächst – sowohl im Inland als auch international.
Zanya und Lộc Rừng: Erben einer hundertjährigen Tradition
Beide sind kleinbäuerliche Produzent*innen in Lạc Dương, die ökologischen Landbau und transparente Herkunft in ihrer Gemeinschaft priorisieren. Ihr Kaffee entsteht mit Sorgfalt, Gemeinschaftswissen und tiefer Verbundenheit zum Land.
Die Geschichte des Kaffees in Lạc Dương ist mehr als eine Chronik von Anbau und Handel. Sie zeigt, wie sich Wissen, Landzugang und Märkte über Generationen hinweg verändern. Der Arabica-Anbau hat hier Kolonialismus, Kriege und politische Umbrüche überlebt – dank der Beständigkeit gemeinschaftsbasierter Praktiken.
Auch wenn diese Systeme strukturellen Herausforderungen gegenüberstehen, stellen sie eine der ökologisch tragfähigsten und kulturell verwurzelten Formen der Kaffeeproduktion in Vietnam dar.
Für uns und unsere Röstpartner*innen in Europa bedeutet die Zusammenarbeit mit Produzent*innen wie Zanya und Lộc Rừng, mit dem Ziel zu sourcen, die Menschen und Praktiken zu ehren, die das Arabica-Erbe Vietnams lebendig halten, hoffentlich noch für ein weiteres Jahrhundert.





QUELLEN
- de Sousa, J. L. T., et al. (2022). Yield performance and coffee quality under agroecological and conventional systems in Southeast Asia. Coffee Science Journal, 17(1), 33–45.
- Faye, A., Nguyen, Q., & Tran, T. T. (2022). Environmental impacts of coffee expansion in the Vietnamese Central Highlands: a review. Environmental Science & Policy, 129, 65–76.
- Gaitán-Cremaschi, D., et al. (2024). Landscape diversification improves coffee system resilience in marginal highland areas. Agricultural Systems, 212, 103763.
- ICO – International Coffee Organization. (2023). Vietnam Country Coffee Profile.
- Kawasaki, N. (2022). Understanding the perceptions of sustainable coffee production: a case study of the K’Ho ethnic minority. Asia Rural Sociology Review, 28(2), 55–74.
- Le, Q. T. (2020). Coffee colonialism and land governance in Vietnam. Journal of Peasant Studies, 47(6), 1234–1253.
- Le, Q. T. & Pellissier, C. (2022). Coffee landscapes and shifting livelihoods in the Central Highlands. Geoforum, 136, 19–30.
- Marsh, P. (2007). Agricultural change in Vietnam’s post-war development. Routledge.
- Minh, N. V., et al. (2017). Soil suitability assessment for Arabica coffee in Lâm Đồng Province. Vietnamese Journal of Agricultural Sciences, 15(2), 49–58.
- Nguyen, H. T., Do, T. T., & Vu, H. M. (2015). Coffee trade and value chain participation in Vietnam. Vietnam Journal of Economics, 23(3), 123–136.
- Pham, V. N., et al. (2023). Estimating market power of Arabica traders in Lâm Đồng: An application of the New Empirical Industrial Organization model. Journal of Economics & Development, 25(1), 75–90.
- Schippers, T. (2015). French colonial agriculture in Indochina: Coffee, labor, and indigenous resistance. Southeast Asian Studies, 4(1), 12–38.








